Friedel Lenz: Das Tier im Märchen - Die Lerche!
"Früher hieß sie auch Löweneckerchen und im Holländischen hat sie heute noch den Namen 'Leeuwerik'. Kein Zoologe könnte eine Verwandtschaft zwischen diesem kleinen munteren Vogel und dem gewaltigen Löwen, dem König der Tiere, finden. Kein Naturforscher, wohl aber der bildende Mensch.
Es ist noch nicht lange her, da nahm gar mancher alte Bauer seine Kappe ab, wenn auf dem Felde eine Lerche trillernd und jubilierend in die Höhe stieg. Andächtig folgte er ihr mit seinen Blicken, und man sah am tiefer werdenden Auge, daß auch seine Seele sich emporhob. 'Sie betet', sagte er, und dem Kinde war es ein unvergeßlicher Eindruck. Die Lerche war ihm das Bild der nach oben steigenden Herzensfrömmigkeit, und in den Märchen findet man dasselbe Bild - ein echtes Wahrbild.
Der Mensch, der dem reichen Manne gleicht in dem Märchen 'Das singende, springende Löweneckerchen', erlebt dieses Wahrbild. Die dritte und jüngste Tochter wünscht sich vom Vater ein singendes, springendes Löweneckerchen. Und als der Vater auf dem Heimweg von seiner Reise im Walde auf einem hohen Baum ein Löweneckerchen singen hört und es von seinem Diener fangen läßt, da springt ein Löwe aus dem Gebüsch und brüllt: Wer mir mein singendes, springendes Löweneckerchen rauben will, den fresse ich auf. Das heißt: wer mir die Mutkraft des Herzens, die Frömmigkeit, nimmt, fällt mir zum Opfer. Denn Mutkraft des Herzens, die nicht mit Frömmigkeit oder frommem Mut gepaart ist, wird zur Tollkühnheit, zum frivolen Übermut, zu kaltem Hochmut, und deren könnte sich der Mensch nicht erwehren. Mut und Frömmigkeit sollten nicht getrennt werden. DerLöwe sprach: 'Dich kann nichts retten, als wenn du mir zu eigen versprichst, was dir daheim zuerst begegnet! willst du das aber tun, so schenke ich dir das Leben und den Vogel für deine Tochter'. Es ist die dritte und jüngste Tochter, die dem Manne zuerst begegnet und die bereit ist, den Löwen zu besänftigen. Wir haben schon öfter von ihr gesprochen. Als drittes Seelenglied ist sie das jüngste: die wollende Seele, die später als die fühlende und denkende zur Entwicklung gelangt ist. Wenn sie wie hier nach dem Löweneckerchen begehrt, so ist sie die Bewußtseinsseele, die im Geiste die Liebe sucht. Sie verbindet sich mit dem Löwen, der bei Tage ein Löwe, aber nachts ein Königssohn ist. Sie, die Frömmigkeit in sich trägt, erkennt die hohe, königliche Wesenskraft des Ich, das bei Tage sich in allerlei Taten des Mutes äußert, aber nachts, wenn es eintaucht in eine höhere Welt, sich offenbart und mit der Seele eint.
Aus diesem Wissen von der Zusammengehörigkeit der beiden Herzenskräfte, die sich immer suchen und finden sollen, ist der Name 'Leeuwerik', Löweneckerchen, entstanden.
In dem bretonischen Gralsmärchen von Peronnik wird auch von einem Löwen erzählt, der nach Lerchen verlangt. Er bewacht den Zugang zum Schlosse des Zauberers, der die diamantene Lanze geraubt hat. Aber Peronnik durchschaut ihn. Mut im Dienste des Bösen ist gefährlich, noch gefährlicher, wenn er sich den Anschein der Frömmigkeit gibt. Bei ihm wird sie zur Falschheit und Heuchelei. Das Märchen sagt auch dementsprechend: der Löwe ist lüstern auf Lerchen. Peronnik bietet ihm einen Sack voll Lerchen an, aber es sind nur Lerchenfedern und Leim. Und der Löwe geht ihm auf den Leim, er verfängt sich im Sack, und Peronnik kann vorübergehen und die diamantene Lanze gewinnen."
ISBN 3-7214-5002-7, Friedel Lenz, Das Tier im Märchen Friedel Lenz, Das Tier im Märchen, Novalis-Verlag.
Gruß Bioeule!


   

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