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1919 - Die Dreigliederung des sozialen Organismus
In den ersten Wochen des April 1919 erschien Rudolf Steiners Werk »Die Kernpunkte der sozialen Frage«. Dieses Werk Rudolf Steiners, das von der »Treuhandgesellschaft des Goetheanum Dornach« herausgegeben und gleichzeitig in Dornach, Stuttgart und Wien der Öffentlichkeit vorgelegt wurde, erreichte schon im Ablauf des ersten Jahres eine Auflage von 80.000 Exemplaren und ist seither auch in zahlreichen Übersetzungen in alle Welt gegangen. Es stellte den von ihm erkannten »Weg eines zielbewußten sozialen Wollens« dar, kennzeichnete die Entwicklungsgesetze und Tatsachen im Wirtschafts-, Rechts- und Geistesleben und nannte die notwendigen Schritte zu einer »gesunden Ausgestaltung dieser drei Lebensgebiete innerhalb der sozialen Ordnung«.

Am 19. April trat Rudolf Steiner seine entscheidungsreiche Reise nach Deutschland an, wo ihn eine große Zahl aktiver Mitarbeiter ungeduldig erwartete, gewillt, die neuen Ideen zu vertreten und zu verwirklichen. Am 22. April fand bereits in Stuttgart eine Komiteesitzung mit den von auswärts zusammengekommenen Vertretern des »Aufrufs an das deutsche Volk und an die Kulturwelt« statt, am Abend ein öffentlicher Vortrag Rudolf Steiners bei einer Versammlung der Unterzeichner dieses Aufrufs. Bei der Vorbereitung und Durchführung dieser Aufgaben waren Prof. von Blume, Emil Molt, Dr. Carl Unger, Hans Kühn, Emil Leinhas, später im »Bund für Dreigliederung des sozialen Organismus« auch Walther Kühne und als Schriftleiter der dort begründeten Wochenschrift Ernst Uehli und zahlreiche initiative Mitarbeiter helfend tätig.

Die nächsten Wochen waren einer intensiven Schulung der Mitarbeiter in den Kreisen der Gesellschaft, einer öffentlichen Vortragstätigkeit auf Einladung der mit den sozialen Problemen ringenden Arbeiterschaft zahlreicher Industriewerke und Besprechungen mit Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens gewidmet.

Für die Mitarbeiter hielt Steiner im Stuttgarter Zweig vom 21. April-22. Juni einen Vortragszyklus über »Geisteswissenschaftliche Behandlung sozialer und pädagogischer Fragen«. Die ersten drei Vorträge gaben eine Einführung, ein »Präludium zur Dreigliederung« oder, wie er es auch nannte, ein »Esoterisches Präludium zu einer exoterischen Behandlung der sozialen Frage«. Vier weitere Vorträge behandelten »Kulturgeschichtliches zur Pädagogik« und drei besondere Vorträge die »Volkspädagogik«.

Denn bei einer zukunfttragenden Lösung der sozialen Frage mußte die Pädagogik nun auch in den Mittelpunkt der Maßnahmen treten, die in den nächsten Monaten durchgeführt wurden, um aus rechter Erkenntnis rechte Taten, Entwicklungstatsachen werden zu lassen.

Während dieser ersten Schulungswochen der Mitarbeiter in Stuttgart wurde Rudolf Steiner auch täglich durch die sich überstürzenden Ereignisse stark in Anspruch genommen. Man muß sich die äußere Situation in jener Epoche rückschauend in Erinnerung rufen.

Der gleichsam im letzten Akt der vergangenen Tragödie ans Ruder berufene Prinz Max von Baden war gewiß eine von besten Absichten erfüllte Persönlichkeit, aber doch nicht mehr in der Lage, das Niedergehen eines Vorhanges über dem Vergangenen aufzuhalten. Seine Stellung als Kanzler hätte ihm zwar die Möglichkeit geben können, schöpferisch neue Geschichte zu formen. Und da Rudolf Steiner nichts unversucht ließ, den verantwortlichen Staatsmännern zu einer fruchtbaren Erkenntnis- und Tatengrundlage behilflich zu sein, wenn diese Frage an ihn herantrat, so war auch dem damaligen Reichskanzler Prinz Max von Baden der Vortragszyklus mit der Erkenntnissubstanz vom Wesen der Volksseelen, wie sie Rudolf Steiner vor dem Krieg bereits dargestellt hatte, und auch der Inhalt der Memoranden von 1917 zur Dreigliederung als Basis für die Neuformung der sozialen Ordnung ausgehändigt worden.

Der ehemalige österreichische Kabinettschef Graf Arthur Polzer-Hoditz berichtet in seinen Memoiren über diese Orientierung des Prinzen Max von Baden bezüglich der Dreigliederungsidee:

»Man erzählte mir, daß auch Kühlmann mit dem Gedanken vertraut gemacht wurde und daß der nachmalige deutsche Reichskanzler Prinz Max von Baden sich dafür interessierte und mit Rudolf Steiner darüber persönlich verhandelte. Weder der eine noch der andere ist damit hervorgetreten. Ich kann dies gut verstehen. Ich, persönlich, war allerdings der Meinung, daß die Zeit gerade damals für große Gedanken aufnahmefähig war und daß es nicht von Nachteil gewesen wäre, einen solchen, wenn auch unvermittelt, in die Welt zu werfen. Man wäre vielleicht über ihn hergefallen und hätte ihn zerzaust und arg zugerichtet. Aber er wäre dagewesen. Die Welt hätte sich mit ihm auseinandersetzen müssen, und war er gut, so hätte er sich schließlich behauptet. Es wäre eines Versuchs wert gewesen.«

Diesen Versuch, die Welt aufzufordern, sich mit einem solchen »großen Gedanken« auseinanderzusetzen, hat der letzte Reichskanzler des vergangenen Regimes nicht gewagt, obgleich die Zeit nach Ansicht des anderen Staatsmannes »für große Gedanken aufnahmefähig war«. Sie haben es trotz wohlwollendem Interesse alle nicht gewagt. Und die nun durch Umsturz und Revolution im Jahr 1919 an die Regierung kommenden Politiker waren blind und hoffnungslos einem intellektuellen Marxismus verfallen, den Rudolf Steiner schon vor Jahren als »antisozial« bezeichnet hatte. In dieser Richtung war also eine Rettung nicht mehr zu erwarten.

Rudolf Steiner wandte sich deshalb an Menschen, die nicht abstrakt oder weltfremd, sondern in ihren konkreten Sorgen und Leiden mit der katastrophenerfüllten Umwelt rangen und Empfänger einer neuen Botschaft und Verwirklicher ihrer Praxis hätten werden können. Von den Erlebnissen der letzten Monate seelisch zutiefst erregt, von den alten Mächten im Stich gelassen, von den Agitatoren politischer Parteien zum Überdruß mit Phrasen und Schlagworten überschüttet, von Nahrungssorgen zur Verzweiflung getrieben, gärte es in der Masse des Volkes bis zur Explosion. Wer nicht nur über Vergangenes trauerte und sich in einen Winkel verkroch oder anderseits den Schlagworten der zahllosen, wild kämpfenden Parteidemagogen zuströmte, wer nach einer gesunden, klaren Richtlinie für einen systematischen Neuaufbau der sozialen Ordnung suchte, der stand mit seinem Suchen in jenen Monaten des Jahres 1919 mitten in größter Not.

Es gehörte Mut dazu, an einen »Außenseiter«, der mit all den damals dominierenden Massenbewegungen nichts zu tun hatte, Fragen und die Bitte um Rat zu richten. Einige Arbeitgeber und eine größere Anzahl Arbeiter, die von Rudolf Steiners Ideen gehört hatten, brachten diesen Mut zur Frage auf und baten ihn um Vorträge vor der Arbeiterschaft großer Unternehmen. Noch viel größerer Mut gehörte damals dazu, unter diese Wogen erhitzter Seelen zu treten und von etwas zu sprechen, das allen Theorien und Mächten des Augenblicks so sehr widersprach. Rudolf Steiner hatte diesen Mut. Wenn er mit seiner ruhigen, volltönenden Stimme zu solchen Arbeiterversammlungen sprach, da gingen die seelischen Wellen der Erregung der Menschen in Ruhe und lauschende Betrachtung über, nach und nach mußten die Vertreter der erhitzten Schlagworte und Phrasen in den Hintergrund treten, und in den Herzen wuchs die bejahende Antwort oder doch die ernste Frage nach tieferer Klärung der neuen Gedanken, die er ihnen darbot.

So sprach er in diesen Tagen vor der Arbeiterschaft großer Stuttgarter Unternehmen, für die Arbeiter der Waldorf-Astoria-Fabrik, der Bosch-Werke, der Fabrik von J. del Monte, der Daimler-Werke, und auch in anderen Städten. Er sprach auf Einladung am Diskussionsabend im Gewerkschaftshaus mit den Arbeiterausschüssen der großen Betriebe Stuttgarts. Er sprach mit führenden Industriellen, so mit Robert Bosch, zu den Arbeitgebern, die gewillt waren, ihn zu hören oder mit ihm diese Fragen zu diskutieren, im Industrierat, und auch zu den Menschen, die mit ihren Problemen zwischen Arbeitgeber- und Arbeitnehmertum mitten drin standen, zu den Technikern, am 1. Juli in Kommissionssitzungen des »Verbandes technischer Vereine«, am 19. Juni für den Verein jüngerer Lehrer und Lehrerinnen usw.
Nach Guenther Wachsmuth: Rudolf Steiners Erdenleben und Wirken, Dornach 1964.

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In den ersten Wochen des April 1919 erschien Rudolf Steiners Werk »Die Kernpunkte der sozialen Frage«. Dieses Werk Rudolf Steiners, das von der »Treuhandgesellschaft des Goetheanum Dornach« herausgegeben und gleichzeitig in Dornach, Stuttgart und Wien der Öffentlichkeit vorgelegt wurde, erreichte schon im Ablauf des ersten Jahres eine Auflage von 80.000 Exemplaren und ist seither auch in zahlreichen Übersetzungen in alle Welt gegangen. Es stellte den von ihm erkannten »Weg eines zielbewußten sozialen Wollens« dar, kennzeichnete die Entwicklungsgesetze und Tatsachen im Wirtschafts-, Rechts- und Geistesleben und nannte die notwendigen Schritte zu einer »gesunden Ausgestaltung dieser drei Lebensgebiete innerhalb der sozialen Ordnung«.

Am 19. April trat Rudolf Steiner seine entscheidungsreiche Reise nach Deutschland an, wo ihn eine große Zahl aktiver Mitarbeiter ungeduldig erwartete, gewillt, die neuen Ideen zu vertreten und zu verwirklichen. Am 22. April fand bereits in Stuttgart eine Komiteesitzung mit den von auswärts zusammengekommenen Vertretern des »Aufrufs an das deutsche Volk und an die Kulturwelt« statt, am Abend ein öffentlicher Vortrag Rudolf Steiners bei einer Versammlung der Unterzeichner dieses Aufrufs. Bei der Vorbereitung und Durchführung dieser Aufgaben waren Prof. von Blume, Emil Molt, Dr. Carl Unger, Hans Kühn, Emil Leinhas, später im »Bund für Dreigliederung des sozialen Organismus« auch Walther Kühne und als Schriftleiter der dort begründeten Wochenschrift Ernst Uehli und zahlreiche initiative Mitarbeiter helfend tätig.

Die nächsten Wochen waren einer intensiven Schulung der Mitarbeiter in den Kreisen der Gesellschaft, einer öffentlichen Vortragstätigkeit auf Einladung der mit den sozialen Problemen ringenden Arbeiterschaft zahlreicher Industriewerke und Besprechungen mit Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens gewidmet.

Für die Mitarbeiter hielt Steiner im Stuttgarter Zweig vom 21. April-22. Juni einen Vortragszyklus über »Geisteswissenschaftliche Behandlung sozialer und pädagogischer Fragen«. Die ersten drei Vorträge gaben eine Einführung, ein »Präludium zur Dreigliederung« oder, wie er es auch nannte, ein »Esoterisches Präludium zu einer exoterischen Behandlung der sozialen Frage«. Vier weitere Vorträge behandelten »Kulturgeschichtliches zur Pädagogik« und drei besondere Vorträge die »Volkspädagogik«.

Denn bei einer zukunfttragenden Lösung der sozialen Frage mußte die Pädagogik nun auch in den Mittelpunkt der Maßnahmen treten, die in den nächsten Monaten durchgeführt wurden, um aus rechter Erkenntnis rechte Taten, Entwicklungstatsachen werden zu lassen.

Während dieser ersten Schulungswochen der Mitarbeiter in Stuttgart wurde Rudolf Steiner auch täglich durch die sich überstürzenden Ereignisse stark in Anspruch genommen. Man muß sich die äußere Situation in jener Epoche rückschauend in Erinnerung rufen.

Der gleichsam im letzten Akt der vergangenen Tragödie ans Ruder berufene Prinz Max von Baden war gewiß eine von besten Absichten erfüllte Persönlichkeit, aber doch nicht mehr in der Lage, das Niedergehen eines Vorhanges über dem Vergangenen aufzuhalten. Seine Stellung als Kanzler hätte ihm zwar die Möglichkeit geben können, schöpferisch neue Geschichte zu formen. Und da Rudolf Steiner nichts unversucht ließ, den verantwortlichen Staatsmännern zu einer fruchtbaren Erkenntnis- und Tatengrundlage behilflich zu sein, wenn diese Frage an ihn herantrat, so war auch dem damaligen Reichskanzler Prinz Max von Baden der Vortragszyklus mit der Erkenntnissubstanz vom Wesen der Volksseelen, wie sie Rudolf Steiner vor dem Krieg bereits dargestellt hatte, und auch der Inhalt der Memoranden von 1917 zur Dreigliederung als Basis für die Neuformung der sozialen Ordnung ausgehändigt worden.

Der ehemalige österreichische Kabinettschef Graf Arthur Polzer-Hoditz berichtet in seinen Memoiren über diese Orientierung des Prinzen Max von Baden bezüglich der Dreigliederungsidee:

»Man erzählte mir, daß auch Kühlmann mit dem Gedanken vertraut gemacht wurde und daß der nachmalige deutsche Reichskanzler Prinz Max von Baden sich dafür interessierte und mit Rudolf Steiner darüber persönlich verhandelte. Weder der eine noch der andere ist damit hervorgetreten. Ich kann dies gut verstehen. Ich, persönlich, war allerdings der Meinung, daß die Zeit gerade damals für große Gedanken aufnahmefähig war und daß es nicht von Nachteil gewesen wäre, einen solchen, wenn auch unvermittelt, in die Welt zu werfen. Man wäre vielleicht über ihn hergefallen und hätte ihn zerzaust und arg zugerichtet. Aber er wäre dagewesen. Die Welt hätte sich mit ihm auseinandersetzen müssen, und war er gut, so hätte er sich schließlich behauptet. Es wäre eines Versuchs wert gewesen.«

Diesen Versuch, die Welt aufzufordern, sich mit einem solchen »großen Gedanken« auseinanderzusetzen, hat der letzte Reichskanzler des vergangenen Regimes nicht gewagt, obgleich die Zeit nach Ansicht des anderen Staatsmannes »für große Gedanken aufnahmefähig war«. Sie haben es trotz wohlwollendem Interesse alle nicht gewagt. Und die nun durch Umsturz und Revolution im Jahr 1919 an die Regierung kommenden Politiker waren blind und hoffnungslos einem intellektuellen Marxismus verfallen, den Rudolf Steiner schon vor Jahren als »antisozial« bezeichnet hatte. In dieser Richtung war also eine Rettung nicht mehr zu erwarten.

Rudolf Steiner wandte sich deshalb an Menschen, die nicht abstrakt oder weltfremd, sondern in ihren konkreten Sorgen und Leiden mit der katastrophenerfüllten Umwelt rangen und Empfänger einer neuen Botschaft und Verwirklicher ihrer Praxis hätten werden können. Von den Erlebnissen der letzten Monate seelisch zutiefst erregt, von den alten Mächten im Stich gelassen, von den Agitatoren politischer Parteien zum Überdruß mit Phrasen und Schlagworten überschüttet, von Nahrungssorgen zur Verzweiflung getrieben, gärte es in der Masse des Volkes bis zur Explosion. Wer nicht nur über Vergangenes trauerte und sich in einen Winkel verkroch oder anderseits den Schlagworten der zahllosen, wild kämpfenden Parteidemagogen zuströmte, wer nach einer gesunden, klaren Richtlinie für einen systematischen Neuaufbau der sozialen Ordnung suchte, der stand mit seinem Suchen in jenen Monaten des Jahres 1919 mitten in größter Not.

Es gehörte Mut dazu, an einen »Außenseiter«, der mit all den damals dominierenden Massenbewegungen nichts zu tun hatte, Fragen und die Bitte um Rat zu richten. Einige Arbeitgeber und eine größere Anzahl Arbeiter, die von Rudolf Steiners Ideen gehört hatten, brachten diesen Mut zur Frage auf und baten ihn um Vorträge vor der Arbeiterschaft großer Unternehmen. Noch viel größerer Mut gehörte damals dazu, unter diese Wogen erhitzter Seelen zu treten und von etwas zu sprechen, das allen Theorien und Mächten des Augenblicks so sehr widersprach. Rudolf Steiner hatte diesen Mut. Wenn er mit seiner ruhigen, volltönenden Stimme zu solchen Arbeiterversammlungen sprach, da gingen die seelischen Wellen der Erregung der Menschen in Ruhe und lauschende Betrachtung über, nach und nach mußten die Vertreter der erhitzten Schlagworte und Phrasen in den Hintergrund treten, und in den Herzen wuchs die bejahende Antwort oder doch die ernste Frage nach tieferer Klärung der neuen Gedanken, die er ihnen darbot.

So sprach er in diesen Tagen vor der Arbeiterschaft großer Stuttgarter Unternehmen, für die Arbeiter der Waldorf-Astoria-Fabrik, der Bosch-Werke, der Fabrik von J. del Monte, der Daimler-Werke, und auch in anderen Städten. Er sprach auf Einladung am Diskussionsabend im Gewerkschaftshaus mit den Arbeiterausschüssen der großen Betriebe Stuttgarts. Er sprach mit führenden Industriellen, so mit Robert Bosch, zu den Arbeitgebern, die gewillt waren, ihn zu hören oder mit ihm diese Fragen zu diskutieren, im Industrierat, und auch zu den Menschen, die mit ihren Problemen zwischen Arbeitgeber- und Arbeitnehmertum mitten drin standen, zu den Technikern, am 1. Juli in Kommissionssitzungen des »Verbandes technischer Vereine«, am 19. Juni für den Verein jüngerer Lehrer und Lehrerinnen usw.
Nach Guenther Wachsmuth: Rudolf Steiners Erdenleben und Wirken, Dornach 1964.

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In den ersten Wochen des April 1919 erschien Rudolf Steiners Werk »Die Kernpunkte der sozialen Frage«. Dieses Werk Rudolf Steiners, das von der »Treuhandgesellschaft des Goetheanum Dornach« herausgegeben und gleichzeitig in Dornach, Stuttgart und Wien der Öffentlichkeit vorgelegt wurde, erreichte schon im Ablauf des ersten Jahres eine Auflage von 80.000 Exemplaren und ist seither auch in zahlreichen Übersetzungen in alle Welt gegangen. Es stellte den von ihm erkannten »Weg eines zielbewußten sozialen Wollens« dar, kennzeichnete die Entwicklungsgesetze und Tatsachen im Wirtschafts-, Rechts- und Geistesleben und nannte die notwendigen Schritte zu einer »gesunden Ausgestaltung dieser drei Lebensgebiete innerhalb der sozialen Ordnung«.

Am 19. April trat Rudolf Steiner seine entscheidungsreiche Reise nach Deutschland an, wo ihn eine große Zahl aktiver Mitarbeiter ungeduldig erwartete, gewillt, die neuen Ideen zu vertreten und zu verwirklichen. Am 22. April fand bereits in Stuttgart eine Komiteesitzung mit den von auswärts zusammengekommenen Vertretern des »Aufrufs an das deutsche Volk und an die Kulturwelt« statt, am Abend ein öffentlicher Vortrag Rudolf Steiners bei einer Versammlung der Unterzeichner dieses Aufrufs. Bei der Vorbereitung und Durchführung dieser Aufgaben waren Prof. von Blume, Emil Molt, Dr. Carl Unger, Hans Kühn, Emil Leinhas, später im »Bund für Dreigliederung des sozialen Organismus« auch Walther Kühne und als Schriftleiter der dort begründeten Wochenschrift Ernst Uehli und zahlreiche initiative Mitarbeiter helfend tätig.

Die nächsten Wochen waren einer intensiven Schulung der Mitarbeiter in den Kreisen der Gesellschaft, einer öffentlichen Vortragstätigkeit auf Einladung der mit den sozialen Problemen ringenden Arbeiterschaft zahlreicher Industriewerke und Besprechungen mit Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens gewidmet.

Für die Mitarbeiter hielt Steiner im Stuttgarter Zweig vom 21. April-22. Juni einen Vortragszyklus über »Geisteswissenschaftliche Behandlung sozialer und pädagogischer Fragen«. Die ersten drei Vorträge gaben eine Einführung, ein »Präludium zur Dreigliederung« oder, wie er es auch nannte, ein »Esoterisches Präludium zu einer exoterischen Behandlung der sozialen Frage«. Vier weitere Vorträge behandelten »Kulturgeschichtliches zur Pädagogik« und drei besondere Vorträge die »Volkspädagogik«.

Denn bei einer zukunfttragenden Lösung der sozialen Frage mußte die Pädagogik nun auch in den Mittelpunkt der Maßnahmen treten, die in den nächsten Monaten durchgeführt wurden, um aus rechter Erkenntnis rechte Taten, Entwicklungstatsachen werden zu lassen.

Während dieser ersten Schulungswochen der Mitarbeiter in Stuttgart wurde Rudolf Steiner auch täglich durch die sich überstürzenden Ereignisse stark in Anspruch genommen. Man muß sich die äußere Situation in jener Epoche rückschauend in Erinnerung rufen.

Der gleichsam im letzten Akt der vergangenen Tragödie ans Ruder berufene Prinz Max von Baden war gewiß eine von besten Absichten erfüllte Persönlichkeit, aber doch nicht mehr in der Lage, das Niedergehen eines Vorhanges über dem Vergangenen aufzuhalten. Seine Stellung als Kanzler hätte ihm zwar die Möglichkeit geben können, schöpferisch neue Geschichte zu formen. Und da Rudolf Steiner nichts unversucht ließ, den verantwortlichen Staatsmännern zu einer fruchtbaren Erkenntnis- und Tatengrundlage behilflich zu sein, wenn diese Frage an ihn herantrat, so war auch dem damaligen Reichskanzler Prinz Max von Baden der Vortragszyklus mit der Erkenntnissubstanz vom Wesen der Volksseelen, wie sie Rudolf Steiner vor dem Krieg bereits dargestellt hatte, und auch der Inhalt der Memoranden von 1917 zur Dreigliederung als Basis für die Neuformung der sozialen Ordnung ausgehändigt worden.

Der ehemalige österreichische Kabinettschef Graf Arthur Polzer-Hoditz berichtet in seinen Memoiren über diese Orientierung des Prinzen Max von Baden bezüglich der Dreigliederungsidee:

»Man erzählte mir, daß auch Kühlmann mit dem Gedanken vertraut gemacht wurde und daß der nachmalige deutsche Reichskanzler Prinz Max von Baden sich dafür interessierte und mit Rudolf Steiner darüber persönlich verhandelte. Weder der eine noch der andere ist damit hervorgetreten. Ich kann dies gut verstehen. Ich, persönlich, war allerdings der Meinung, daß die Zeit gerade damals für große Gedanken aufnahmefähig war und daß es nicht von Nachteil gewesen wäre, einen solchen, wenn auch unvermittelt, in die Welt zu werfen. Man wäre vielleicht über ihn hergefallen und hätte ihn zerzaust und arg zugerichtet. Aber er wäre dagewesen. Die Welt hätte sich mit ihm auseinandersetzen müssen, und war er gut, so hätte er sich schließlich behauptet. Es wäre eines Versuchs wert gewesen.«

Diesen Versuch, die Welt aufzufordern, sich mit einem solchen »großen Gedanken« auseinanderzusetzen, hat der letzte Reichskanzler des vergangenen Regimes nicht gewagt, obgleich die Zeit nach Ansicht des anderen Staatsmannes »für große Gedanken aufnahmefähig war«. Sie haben es trotz wohlwollendem Interesse alle nicht gewagt. Und die nun durch Umsturz und Revolution im Jahr 1919 an die Regierung kommenden Politiker waren blind und hoffnungslos einem intellektuellen Marxismus verfallen, den Rudolf Steiner schon vor Jahren als »antisozial« bezeichnet hatte. In dieser Richtung war also eine Rettung nicht mehr zu erwarten.

Rudolf Steiner wandte sich deshalb an Menschen, die nicht abstrakt oder weltfremd, sondern in ihren konkreten Sorgen und Leiden mit der katastrophenerfüllten Umwelt rangen und Empfänger einer neuen Botschaft und Verwirklicher ihrer Praxis hätten werden können. Von den Erlebnissen der letzten Monate seelisch zutiefst erregt, von den alten Mächten im Stich gelassen, von den Agitatoren politischer Parteien zum Überdruß mit Phrasen und Schlagworten überschüttet, von Nahrungssorgen zur Verzweiflung getrieben, gärte es in der Masse des Volkes bis zur Explosion. Wer nicht nur über Vergangenes trauerte und sich in einen Winkel verkroch oder anderseits den Schlagworten der zahllosen, wild kämpfenden Parteidemagogen zuströmte, wer nach einer gesunden, klaren Richtlinie für einen systematischen Neuaufbau der sozialen Ordnung suchte, der stand mit seinem Suchen in jenen Monaten des Jahres 1919 mitten in größter Not.

Es gehörte Mut dazu, an einen »Außenseiter«, der mit all den damals dominierenden Massenbewegungen nichts zu tun hatte, Fragen und die Bitte um Rat zu richten. Einige Arbeitgeber und eine größere Anzahl Arbeiter, die von Rudolf Steiners Ideen gehört hatten, brachten diesen Mut zur Frage auf und baten ihn um Vorträge vor der Arbeiterschaft großer Unternehmen. Noch viel größerer Mut gehörte damals dazu, unter diese Wogen erhitzter Seelen zu treten und von etwas zu sprechen, das allen Theorien und Mächten des Augenblicks so sehr widersprach. Rudolf Steiner hatte diesen Mut. Wenn er mit seiner ruhigen, volltönenden Stimme zu solchen Arbeiterversammlungen sprach, da gingen die seelischen Wellen der Erregung der Menschen in Ruhe und lauschende Betrachtung über, nach und nach mußten die Vertreter der erhitzten Schlagworte und Phrasen in den Hintergrund treten, und in den Herzen wuchs die bejahende Antwort oder doch die ernste Frage nach tieferer Klärung der neuen Gedanken, die er ihnen darbot.

So sprach er in diesen Tagen vor der Arbeiterschaft großer Stuttgarter Unternehmen, für die Arbeiter der Waldorf-Astoria-Fabrik, der Bosch-Werke, der Fabrik von J. del Monte, der Daimler-Werke, und auch in anderen Städten. Er sprach auf Einladung am Diskussionsabend im Gewerkschaftshaus mit den Arbeiterausschüssen der großen Betriebe Stuttgarts. Er sprach mit führenden Industriellen, so mit Robert Bosch, zu den Arbeitgebern, die gewillt waren, ihn zu hören oder mit ihm diese Fragen zu diskutieren, im Industrierat, und auch zu den Menschen, die mit ihren Problemen zwischen Arbeitgeber- und Arbeitnehmertum mitten drin standen, zu den Technikern, am 1. Juli in Kommissionssitzungen des »Verbandes technischer Vereine«, am 19. Juni für den Verein jüngerer Lehrer und Lehrerinnen usw.
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