1273.) Name: "Wasser und Land"! Friedel Lenz, Das Tier im Märchen, Märchen als Künder geistiger Wahrheiten, Novalis, ISBN 3-7214-5002-7, S. 58! Datum: Samstag, der 02. März, 2002 um 19 Uhr 53
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"Wasser und Land: Alle Märchenbilder sind in der Sprache zu finden, denn Sprache ist geronnenes Bild.
'Er hat den Kopf unter Wasser', 'das Wasser steht ihm bis zum Halse', 'er ist untergegangen', hat 'keinen Auftrieb mehr'. Unschwer erkennen wir den inneren Zustand eines Menschen aus diesen Bildern. Er kann sich nicht mehr halten, die Welt des Unbeständigen zieht ihn hinab. Diese Welt des Unbeständigen ist urtümlich gegeben, sie ist der Urschoß des Seelischen überhaupt. Dort wird ätherische Lebenskraft, Bildkraft zur Empfindung, Gefühle bilden sich und wallen auf, das Innere durchwogend wie ein grundloses Meer. Ähnlich wie im Traum steigen Bilder auf aus unbekannten 'Tiefen'. Unsere Traumwelt gleicht der Wasserwelt, denn die Bilder 'tauchen' auf, 'zerrinnen und zerfließen'. Die Seele selber gleicht dem Wasser, wie Goethe sagt. Gedanken werden in dieser Region nicht gedacht, wie sie sonst gedacht werden. Auch sie 'tauchen' auf aus tiefem Untergrunde, und wer sie festhalten will, muß sich der Wasserwelt entsprechend verhalten, das heißt selber beweglich werden, sie nachformen, nachbilden. Denn im Seelischen kann man schwer etwas festlegen. Stimmungen, Gefühle, Einfälle wandeln sich fortwährend. Dort istalles 'im Fluß'. Vom träumenden Verschwimmen bis zum haltlosen Versinken muß der Mensch lernen, sich zu bewahren. Darum schildern manche Märchen und Mythen die Wasserwelt als Gefahr. Das Elementarische im Menschen, die Naturkraft des unbewußt Seelischen (die Meerfrau, die Nixe) könnte unser Ich hinabziehen.
Wann hingegen sind wiran Land? Wann 'stehen wir auf sicherem Boden'? Die äußere Sinneswelt ist die Welt der Gegenstände. Wir können sie mit unseren Sinnen wahrnehmen. Wir können zählen und berechnen. Im Seelischen ist fortwährend Wandel. Aber zwei mal zwei ist immer vier. Die materielle Sinneserkenntnis hat es mit ganz bestimmten 'Festlegungen' zu tun. Kennt man sie, so steht man auf dem sicheren Boden der 'Tatsachen'. Der Verstand muß in dieser Region tüchtig angewendet werden. Schon das Wort deutet auf den 'Stand', das 'Stehen', hin. Durch ihn kommen wir von einem Standpunkte zum anderen, das heißt wir machen 'Fortschritte'. Und Fortschritte wiederum bedeuten den inneren 'Weg'. Solche Wege müssen in vielen Märchen gemacht werden. Man ist aber nicht nur Fußgänger, wenn man zu Geisteszielen gelangen will, man ist auch 'Reiter'. Beim Reiter macht das Pferd die Schritte. Und da in der Symbolwelt das Pferd der instinktive Verstand ist, so zeigt uns das Bild des Reiters den fortschreitenden Verstand.
Jede dieser Welten muß auf ihre Weise erlebt werden, jede muß gemeistert werden. Die Wasserwelt ist mehr die Gefahr des Weiblichen, das'Land' die des Männlichen in uns. In manchen Märchen sind darum beide Aufgaben gestellt: über das Meer zu fahren und weite Wege zu machen oder das Schifflein zu finden, das 'zu Wasser und zu Lande' fährt." Friedel Lenz: Märchen als Künder geistiger Wahrheiten

   

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